Wozu auch wir imstande sind

„…Was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist“

TodestriebMenschen halten sich moralisch und ethisch für besser als sie sind. Anderen hingegen trauen wir alle nur erdenklichen Grausamkeiten zu. Der Blick auf und in uns ist verstellt. Sigmund Freud verwies schon im vorigen Jahrhundert darauf, dass es außer einem Lebenstrieb auch einen Todestrieb in uns gibt. Das bedeutet nicht, dass wir andere töten. Aber in vielen unbeachteten Momenten unseres Lebens töten auch wir, mit Gedanken, Wünschen, Blicken, mit Forderungen, Unterstellungen, mit kleinen und großen Gemeinheiten, Machtfantasien, Süchten, Ängsten. Wenn unsere gezielten Geschoße andere treffen, töten wir stets auch ein Stück von uns selbst, unbemerkt, leise, ohne lautes Geschrei. Die Leiche lassen wir im eigenen Seelenkeller liegen. Selten stellen wir uns dem eigenen Gewissensgericht. Wir machen mit uns selbst meist kurzen Prozess. Wir waren es nicht. Schuld haben die anderen. Wenn wir doch nachdenklich werden, vielleicht in einer Lebenskrise, nach dem Scheitern eines Planes, macht sich Enttäuschung, Verzweiflung, Wut breit. Wir hadern damit. Wir sind unglücklich und nicht dankbar für diese Lektion. Wir vergessen, dass Täuschung läutert. Nicht umsonst sagen wir: Mir sind die Augen aufgegangen.
Wenn wir den Mut dazu hätten, das Destruktive der Welt als Abbild unserer eigenen Innenwelt zu sehen, würden wir weniger entsetzt mit den Gräueltaten von andern umgehen. Das bedeutet nicht, sie gutzuheißen. Ganz im Gegenteil. ABER: Auch in uns gibt es ein Amphitheater, in dem wir die EGO Flagge hissen und Liebe, Sehnsucht, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Fürsorge Kommandoartig erschießen. Ein destruktives Spektakel auf der eigenen Seelenbühne, unbemerkt im Außen. In so manchen Lebenskrisen tauchen diese Szenen scheinbar aus dem Nichts wieder auf. Wir sind gezwungen hinzuschauen und uns zu erinnern:
„Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben“ (Also sprach Zarathustra. Vorrede. Friedrich Nietzsche)

Veröffentlicht in Psychiatrie